Das "mobile Fenster"


VON Ludwig van der Linde

Im St.-Agnes-Hospital werden künstliche Hüften nach einer neuen Technik eingesetzt. Die zurückbleibende Narbe ist nur sechs bis acht Zentimeter lang. Auch der Heilungsprozess verkürze sich, sagt Professor Ostermann.

 

BOCHOLT Auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden überlegt Hildegard Messing nicht lange. „Mir geht es gut, einfach gut. Direkt nach der Operation hatte ich schon keine Schmerzen mehr“, sagt die 76-Jährige und nimmt im Sprechzimmer von Professor Peter Ostermann, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie, auf einem Stuhl Platz. Die Gehhilfen hat sie an die Wand gelehnt. Vor zwei Wochen wurde Messing im St.-Agnes-Hospital ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. Und zwar nach einer neuen Operationstechnik aus der Schweiz. Die verkürze nicht nur den Heilungsprozess, sagt Ostermann, sondern habe auch kosmetische Vorteile. Die Narbe sei jetzt nicht mehr 20 bis 30 Zentimeter lang, sondern nur noch 6 bis 8. Ein Aspekt, der nicht nur, aber insbesondere auch für Frauen wichtig sein kann.

 

Diese neue OP-Technik wird seit Anfang September im St.-Agnes-Hospital angewandt. Neu an ihr sei, erklärt Ostermann, dass auf dem Weg zur kranken Hüfte die Sehnen und Muskeln nicht mehr durchtrennt, sondern nur „kulissenartig“ auseinander gedrängt werden. Mit Hilfe von Implantationsinstrumenten, die dieser Technik angepasst wurden, sei es dann möglich, das künstliche Gelenk und die künstliche Pfanne einzusetzen. Bemerkenswert dabei: Die Prothesen (bei Hildegard Messing waren die beiden Teile zusammen rund 23 Zentimeter lang) sind wesentlich größer als die offene Wunde, die nach dem chirurgischen Schnitt entsteht. Der „Trick“ beim Einsetzen der künstlichen Teile: „Die Hautfalten lassen sich wie ein mobiles Fenster verschieben.“

Rund 50 Hüft-Operationen haben die Orthopäden im St.-Agnes-Hospital bisher nach dieser neuen Methode ausgeführt. „Die Resonanz ist überaus positiv“, zieht Ostermann ein erstes Zwischenfazit. Das verwundert ihn nicht, denn die Vorteile liegen nach seiner Ansicht auf der Hand: Der Patient könne nach der Operation das Bein sofort wieder voll belasten, da „die hüftstabilisierende Muskulatur nicht beschädigt wurde“. Dadurch verkürze sich die Zeit, in der er auf eine Gehstütze angewiesen sei, erheblich. „Waren es früher gut zwölf Wochen, so sind es jetzt nur noch drei bis vier“, sagt Ostermann. Und der Patient müsse nach dem Eingriff auch weniger Zeit im Krankenhaus verbringen (statt 14 bis 21 Tage nur noch 8 Tage).

 

Für Hildegard Messing beginnt heute eine dreiwöchige Rehabilitation in Bad Sassendorf. „Wenn Sie wieder kommen, brauchen Sie keine Gehhilfen mehr. Wahrscheinlich können Sie die auch schon viel früher beiseite stellen“, gibt Ostermann seiner Patientin mit auf den Weg. Die lächelt und antwortet: „Die vergesse ich schon jetzt manchmal.“

Info

450 Operationen

Als Professor Peter Ostermann 2002 seinen Dienst in Bocholt antrat, wurden im St.-Agnes-Hospital 15 künstliche Hüften pro Jahr eingesetzt. „Jetzt sind es gut 270“, sagt der 44-jährige Chefarzt der Unfallchirugie und Orthopädie. Hinzu kämen rund 140 künstliche Knie- und 40 Schultergelenke pro Jahr.