Suchen und zerstören


Gegen das Krankwerden im Krankenhaus: Das St.-Agnes-Hospital verfolgt seit 2002 ein holländisches Modell, um seine Patienten vor einer Infektion mit den antibiotika-resistenten Keimen MRSA zu schützen – mit Erfolg.

von Renate Witteler

BOCHOLT Bis zu einer Million Menschen stecken sich jährlich in deutschen Krankenhäusern mit resistenten Bakterien an, schätzt Axel Kramer von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Besonders gefährlich sind Infektionen mit dem Erreger MRSA, die lebensgefährliche und schwer zu behandelnde Infektionen

auslösen können. Dem Bocholter St.-Agnes-Hospital ist es nun als Teilnehmer des grenzüberschreitenden Euregio-Projekts „MRSA-net“ gelungen, die MRSA-Rate an allen untersuchten Staphylokokken auf 14 Prozent zu senken, sagt Dr. Thomas Berns, Hygienebeauftragter Arzt und Chef der Allgemeinchirurgie. Deutschlandweit hingegen liege die Rate derzeit bei 25 Prozent.

Auch wenn die MRSA-Rate in Ländern wie Spanien, Italien und England noch höher ist: Im Nachbarland Holland liegt sie bei nur zwei Prozent. Holland gilt deshalb als Vorbild bei der Bekämpfung von MRSA. „Und wir sind in Deutschland die erste Region, die in Anlehnung an das niederländische Modell ,search and destroy’ (suchen und zerstören) vorgehen“, sagt Willi Meier, Hygienefachmann des Hospitals.

Seit 1999 beschäftige sich das Krankenhaus bereits mit dem Problem der multiresistenten Keime. „Bis heute ist bei uns kein Patient daran gestorben“, sagt Meier. MRSA-Infizierte gebe es im Hospital nicht, nur mit MRSA-besiedelte Patienten – also Menschen, die den Keim trügen, aber nicht an ihm erkrankten. Und die fielen in der Regel beim „Srceening“ – der 2002 eingeführten Untersuchung aller Risikopatienten – auf. Zu dieser Gruppe zählten Altenheimbewohner, chronisch Pflegebedürftige sowie Patienten mit offenen Wunden und Kathetern sowie Menschen, die im letzten halben Jahr im Krankenhaus lagen oder mit MRSA-Patienten Kontakt hatten.

NasenabstrichVon all diesen Risikopatienten werde ein Abstrich aus Nase und Rachen genommen. Entdeckt das Labor Staphylokokken, die gegen Antibiotika resistent sind, wird der Patient isoliert und mindestens fünf Tage mit einer speziellen Nasensalbe und antiseptischen Substanzen behandelt, berichtet Meier. Die Bettwäsche werde täglich gewechselt, Zahnbürste und Rasierapparat desinfiziert. Nach drei weiteren Tagen Pause werde ein neuer Kontrollabstrich gemacht. „Wenn der negativ ist, ist der Patient saniert“, sagt Berns. Ebenso wichtig sei die Einhaltung der Hygienevorschriften durch das Personal.

 

In diesem Jahr habe es im Agnes-Hospital, das jährlich rund 18000 Patienten aufnehme, nur 76 MRSA-Träger gegeben, berichtet Berns. 65 davon seien beim Eingangs-Screening, an dem etwa 1000 Patienten teilnahmen, aufgefallen. „Das heißt: Es gibt nur elf Patienten, die den Keim im Krankenhaus bekommen haben “, sagt Berns. „Die Angst vor einer Ansteckung, die viele haben, ist also nicht wirklich begründet.“

 

Info

Hochresistente Keime

MRSA steht für „Methicillin-resistente Staphylococcus aureus“. Es handelt sich dabei um Krankheitserreger, denen die üblichen Antibiotika nichts mehr anhaben können. Folgen einer MRSA-Infektion können Wundinfektionen, Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen oder eine Blutvergiftung sein. Die Entstehung solcher „Superkeime“ wird durch zu häufigen und leichtfertigen Einsatz von Antibiotika und mangelnde Hygiene in Krankenhäusern gefördert.