Heilung fern der Heimat


 

VON CAROLA KORFF

Die fünfjährige Tamana aus Afghanistan ist seit sechs Wochen auf der Kinderstation des St.-Agnes-Hospitals. Hier konnte ihre Knochenmarksentzündung behandelt werden. Die St.-Agnes-Stiftung übernimmt die Kosten.

BOCHOLT Die kleinen Patienten auf der Kinderstation des St.-Agnes-Hospitals bekommen viel Besuch: Omas, Tanten und Freunde leisten den Kranken Gesellschaft, oft übernachten sogar die Eltern mit im Krankenhaus. Bei Tamana ist das anders. Die Fünfjährige hat Mama und Papa seit sechs Wochen nicht gesehen, ihre Verwandten sind 4000 Kilometer entfernt. Trotzdem lacht sie viel und läuft fröhlich über die Stationsflure, denn hier konnte geheilt werden, was in ihrer Heimat Afghanistan unheilbar war.

Tamana litt an einer Knochen- und Knochenmarksentzündung im linken Schienbein. Das Friedensdorf Oberhausen holte sie hierher, im St.-Agnes-Hospital wird sie kostenlos behandelt. „Das wird von unserer Stiftung finanziert“, sagt Dr. Klaus Winter, Chefarzt der Kinderklinik. Denn über die Krankenkassen dürfen solche Hilfsaktionen nicht abgerechnet werden. Viele Krankenhäuser weigern sich deshalb, Kinder aufzunehmen. „Wir kooperieren schon seit Jahren mit dem Friedensdorf“, sagt Winter. „Die Stiftung ist sehr großzügig.“

Als Tamana nach Bocholt kam, hatte sie starke Schmerzen in ihrem vereiterten Bein. Professor Peter Ostermanns Team von der Unfallchirurgie operierte sie, entfernte den Entzündungsherd und legte eine Antibiotikakette ein. Auf der Kinderstation bekam sie noch Antibiotika infusionen. Über die Vorgeschichte der kleinen Patienten sei meist wenig bekannt, sagt Winter. „Wir vermuten, dass sich die Entzündung bei Tamana über das Blut ausgebreitet hat.“ Schon ein Eiterpickel könne ausreichen, dass sich Bakterien im Körper verteilten und im Knochen festsetzten.

In Deutschland sei so ein Krankheitsbild selten. „Durch die Friedensdorf-Kinder bekommen wir hier Krankheiten zu sehen, die bei uns schon ausgestorben sind“, so Winter. Wie etwa die Knochentuberkulose, mit der ein Mädchen aus Angola kam. Ungewöhnlich auch der Fall eines angolanischen Jungen, der vor sieben Jahren mit der Diagnose „Hungerödem“ gebracht wurde. Er hatte sechs Liter Wasser im Bauch – wie sich herausstellte allerdings nicht vom Hunger, sondern wegen einer verschlossenen Vene. Er musste deshalb in ein Herzzentrum verlegt werden.

„Mehrere Zentren waren aus Kostengründen nicht bereit, ihn zu nehmen“, erzählt Winter. Schließlich brachten die Bocholter ihn in Berlin unter, wo er mit Erfolg behandelt wurde. Seine Krankengeschichte wurde in wissenschaftlicher Fachliteratur veröffentlicht. „Das sind die medizinischen Highlights“, so der Chefarzt.

Für Tamana war sicher auch ihre Behandlung ein medizinisches Highlight. Sie hat keine Schmerzen mehr und kann bald ins Friedensdorf Oberhausen umziehen, von wo sie mit dem nächsten Sammeltransport in einigen Wochen nach Afghanistan zurück fliegt.

BBV, 26.09.2008