Scheuklappen sind abgelegt


 

Ärzte arbeiten in neuem Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zusammen

Borken (mr) Einmal niesen, schon ist´s passiert: Der Slip wird feucht. Insbesondere Frauen kennen diese und ähnliche Situationen, in denen sie den Harn nicht mehr halten können. Aber auch Männer leiden unter Harn- und Stuhlinkontinenz. Ein Tabuthema, das „auch von Medizinern in den vergangenen 30 Jahren mit Scheuklappen behandelt wurde“, wie Dr. Gregor Westhof unumwunden zugibt. Diese gehören im Borkener St. Marien-Hospital und im St.-Agnes-Hospital Bocholt der Vergangenheit an. Gemeinsam haben die Fachärzte beider Krankenhäuser das erste Kontinenz- und Beckenbodenzentrum im südlichen Kreisgebiet aufgebaut (die BZ berichtete). Dieses wurde jetzt von der Deutschen Kontinenzgesellschaft zertifiziert.

Sechs Fachdisziplinen arbeiten nach den Worten von Dr. Westhof hier inzwischen Hand in Hand: Die Gynäkologie (Bocholt/Borken), die Urologie (Bocholt), die Viszeralchirurgie (Bocholt/Borken), die Geriatrie (Borken) und die Neurologie (Borken). Und das Entscheidende für die Patienten: Sie haben nur noch einen Ansprechpartner für das uner Umständen komplexe Problem – und sie müssen auch nicht mehr von Pontius zu Pilatus wandern, sondern die Fachärzte kommen zum Patienten bzw. in der Regel zur Patientin. Denn: „90 Prozent der Betroffenen sind Frauen“, so die Statistik der Mediziner, die in Borken und Bocholt rund 700 Fälle von Harn- und Stuhlinkontinenz behandeln.

Die Anatomie des menschlichen Körpers war Basis für die Idee der Zusammenarbeit. Drei Organe befinden sich auf dem Beckenboden, dem trichterförmigen Muskel: Blase, Darm, Gebärmutter. Ärzte dreier Fachrichtungen sind gefordert, wenn´s Probleme gibt. Hinzu kommt, dass die Steuerung, wie Westhof am Mittwochabend im Rheder Ei während einer Pressekonferenz ausführte, übers Gehirn erfolgt, neurologische Veränderungen beispielsweise aufgrund eines Schlaganfalls können gleichwohl Ursache für Inkontinenz sein. Und da von dieser insbesondere ältere Menschen betroffen sind, ist es auch ein Thema für die Geriatrie. Daoch auch Kinder, die einnässen, können ein Inkontinenzproblem haben. Mit Dr. Frank Oberpenning, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Bocholt, hat das Zentrum auch für diesen Fall den Fachmann mit an Bord.

In Borken und Bocholt richt heute ein Überweisung des Fach- oder Hausarztes. Über eien zentrale Telefonnummer für beide Krankenhäuser bekommt der Betroffene „zeit- und ortsnah“, so Westhof, einen Untersuchungstermin. Von dem Moment an hat er auch nur noch einen Ansprechpartner. Mehrfach-Untersuchungen sind überflüssig, bei weiterführenden Untersuchungen kann sich der jeweilige Facharzt anhand eines gemeinsamen Berichtes sofort ein Bild über die Situation machen. Gemeinsam werden die konservativen Therapien eingeleitet und gegebenenfalls Operationen vorgenommen, so die Mediziner, die durch Aufklärungsarbeit das Thema auch aus der Tabuzone holen möchten. Denn „Die Dunkelziffer bei Inkontinenz ist groß“ wissen sie. Oft würde diese erst am Rand ganz anderer Beschwerden thematisiert – „manchmal viel zu spät“. Sind Physiotherapeuten gefordert, um den Patienten zu zeigen, welche gymnastischen Übungen für die Stabilisierung des Beckenbodens erforderlich sind, findet der Betroffene diese ebenfalls vor Ort.

Borkener Zeitung, 05.09.2008