Krank vor Kummer und Sorgen


 

VON BARBARA-ELLEN ROSS

Bei einem Viertel der Patienten, die jährlich auf der Kinderstation im Bocholter Krankenhaus behandelt werden, besteht der Verdacht einer psycho-sozialen Störung. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter Schmerzen – verursacht durch Stress.

BOCHOLT Bauchschmerzen kennt fast jedes Kind, dabei ist es noch lange nicht ernsthaft krank. Oft liegen Kummer, Angst und Sorgen wie ein Stein im Magen. Wenn die Schmerzen akut werden, hilft oft nur der Besuch beim Arzt. Nicht immer findet der eine Erklärung für die Beschwerden – es folgt der Weg ins Krankenhaus. Ein Viertel der Patienten, die jährlich auf der Kinderstation des St.-Agnes-Hospitals behandelt werden, sprechen mit Dorothea Hartmann. Die Kinder- und Jugendpsychologin berät die Ärzte in unklaren Fällen. Seit 2005 ist sie im Krankenhaus beschäftigt.

Hartmann ist der Kinderstation zugeordnet und betreut Familien und Kinder von der Frühgeburt bis zum 18. Lebensjahr. Die Zahl der Patienten sei in den letzten drei Jahren konstant geblieben, sagt Hartmann. „Auch wenn meine Zahlen es nicht hergeben, denn nicht jeder psychisch Erkrankte kommt ins Krankenhaus, kann man dennoch sagen, dass die Gesellschaft immer stärker belastet ist“, sagt Hartmann. Sie bietet keine Therapie, sondern eine Beratung an, betont sie.

„Wenn jemand eine Blinddarmentzündung hat, lernt er mich natürlich nicht kennen. Da könnten wir ja lange reden“, sagt Hartmann. Ihr Büro wirkt hell und freundlich. An der Wand hängen Comics und Tierbilder. Damit sich ein kleiner Patient ihr anvertraut, bedarf es oft mehrerer Gespräche. „Bei Essstörungen kann man nicht nach einem Gespräch wissen, was für die Patientin gut ist“, sagt die Psychologin.

Hartmann tritt nur in Absprache mit den Ärzten und Krankenschwestern mit einem Kind oder Jugendlichen in Kontakt. Familien, deren Kinder Wochen zu früh zur Welt kommen oder offensichtlich überfordert sind, erhalten Rat von der Psychologin. Jugendliche die so viel getrunken haben, dass sie ins das Krankenhaus müssen, werden zum Routinegespräch eingeladen. „Davon macht allerdings nur ein Drittel der Jugendlichen Gebrauch, die meisten vertreten die Einstellung, dass es nicht so schlimm sei“, sagt Hartmann.

Der größte Teil ihrer Patienten ist zwischen 7 und 17 Jahre alt und leidet unter Bauchschmerzen. „Probleme in der Schule, Mobbing, die Trennung der Eltern und Freizeitstress sind häufige Ursachen für medizinisch unerklärbare Schmerzen“, so die Psychologin. Sie vermittelt den ersten Kontakt zum Therapeuten. Aber: „Nicht immer ist eine Therapie das Richtige.“ Viele Eltern brauchen die Hilfe der Familien- und Erziehungsberatung. „Wenn ich den Eindruck habe, dass es nötig ist, übe ich auch mehr Druck auf die Eltern aus“, sagt die Psychologin. Sie stellt auch den Kontakt mit dem Jugendamt her. Bei auffälligen Misshandlungen und Vernachlässigung kommen die Mitarbeiter des Jugendamtes auch direkt auf die Kinderstation. „Es ist zwar eine kleine Zahl von Vernachlässigungsfällen, aber sie ist beständig“, so Hartmann.

BBV, 02.04.2008