Bocholt ohne Notdienst?


VON RENATE WITTELER

Bocholter Ärzte und Politiker protestieren gegen den Plan, den ärztlichen Notdienst in Bocholt abzuschaffen. Dass die hiesigen Bürger am Wochenende zur zentralen Notfallpraxis nach Borken fahren sollen, sei nicht hinnehmbar.

BOCHOLT Die Aufregung ist groß: In Bocholt soll es künftig keinen allgemeinärztlichen Notdienst mehr geben. In den nächsten Wochen werde die Vertreterversamlung der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) einen entsprechenden Beschluss fällen, berichtet Dr. Jan Müller-van Meerbeke, der als Vorsitzender des Bocholter Ärztevereins für 85 niedergelassene Ärzte spricht. Demnach solle es im Kreis zwei zentrale Notfallpraxen – eine in Borken und eine in Ahaus – geben. „Für die Bocholter, Isselburger und Rheder, die dann alle nach Borken fahren müssen, ist das nicht hinnehmbar“, sagt Bürgermeister Peter Nebelo, der gestern extra eine Pressekonferenz einberief.

Bereits vor eineinhalb Jahren habe ein KVWL-Ausschuss, der sich mit der Reform des ärztlichen Notdienstes befasst, einen entsprechenden Plan vorgestellt, berichtet Müller-van Meerbeke, der seit 13 Jahren für die Aufstellung des Bocholter Notdienst-Planes zuständig ist. „Ein Großteil der Kollegen war dagegen und wir haben unsere ablehnende Haltung auch in einem Brief dargelegt.“ Nicht nur gegen den Abzug des Notdienstes aus Bocholt hätten sich die Ärzte gewandt, sondern auch gegen eine landesweite Hotline, über die alle Anrufer weitergeleitet werden sollen. Doch es sei nichts passiert. Die Bocholter Ärzte seien in die weiteren Überlegungen nicht einbezogen worden.

„Für mich ist das unmöglich. 100000 Einwohner werden hier versorgt“, schimpft Müller-van Meerbeke. 20 Kilometer zur Notdienstpraxis müssten die Bocholter künftig fahren. Gerade für Ältere, die kein Auto haben, sei das „völlig unmöglich“. Herbert Mäteling, kaufmännischer Direktor des St.-Agnes-Hospitals, stimmt ihm zu. „Wir befürchten, dass die Leute nicht nach Borken, sondern zu uns fahren“, sagt er. Doch die Notfallambulanz des Krankenhauses sei bereits jetzt überlastet. Eine Wartezeit von zwei bis drei Stunden sei nichts Ungewöhnliches. Noch mehr Patienten seien dort „nicht zu bewältigen“. Außerdem befürchte er, dass der Notarzt zu vielen Bagatellfällen gerufen werde. „Was (bei der KVWL-Reform) an Scherbenhaufen übrig bleibt, müssen wir hier kitten“, sagt Mäteling.

„Uns ist unklar, warum man die Bezirke so groß macht“, sagt der Allgemeinmediziner Dr. Thomas Dinger. „Das ist deutlich kostentreibend.“ Im Sauerland, wo es nicht genug Hausärzte und damit Probleme mit dem Notdienst gebe, sei das vielleicht sinnvoll. Aber in Bocholt hätten die Ärzte durchschnittlich nur vier bis fünf Mal im Jahr Notdienst. Das bisherige System „klappe gut“. Die eigene Notdienstnummer für Bocholt würde er gerne erhalten, so Dinger. Nur an einer Änderung seien die hiesigen Ärzte interessiert: an der Einrichtung einer zentralen Notfallpraxis am St.-Agnes-Hospital. Die Hausärzte könnten dort eine „Filterfunktion“ fürs Krankenhaus übernehmen. Mäteling stimmt ihm zu: Das Agnes-Hospital sei bereit, eine solche Praxis einzurichten.

 

BBV, 15.08.2009